| So wie Max Reger die Formensprache vergangener Epochen auf seinem
Hauptinstrument, der Orgel, in die Klang- und Empfindungswelt seiner Zeit übertrug,
leistete Hugo Distler entsprechendes für die vokale Kirchenmusik. Er war einer der
bedeutendsten Vertreter einer Neuorientierung nach 1920. Und dennoch sind seine
kirchenmusikalischen wie vor allem die weltlichen Werke bis heute nur wenig bekannt. Das Leben
Nun liegt dies wesentlich auch in Distlers Biographie begründet, da seine Karriere just
zu dem Zeitpunkt begann, als in Deutschland der Nationalsozialismus einem jungen
Komponisten, einem engagierten Kirchenmusiker zumal, das Leben so schwer wie irgend
möglich machte. In Nürnberg geboren und aufgewachsen, ging er 1927 nach Leipzig, um dort
Tonsatz bei Hermann Grabner, Orgel bei Günther Ramin und Chorleitung bei Karl Straube zu
studieren. Auf Ramins Empfehlung übernahm Distler 1931 das Organistenamt an der
Jakobikirche zu Lübeck. Da er nach 1933 mit immer größer werdenden Widerständen
seitens der Nationalsozialisten zu kämpfen hatte, in einer Zeit, "in der Gott
offenbar dem Bösen seine Macht abgetreten hat" (Distler), wechselte er 1937 in ein
weltliches Amt und folgte einem Ruf an die Stuttgarter Musikhochschule als Lehrer für
Komposition und Orgel und als Leiter des Hochschulchores. 1940 wurde Distler als Professor
für Komposition und Orgel an die Berliner Musikhochschule gerufen, und 1942 übernahm er
dort dazu die Leitung der Hochschulkantorei sowie des Staats- und Domchores. Dabei
erschöpften das Übermaß an Arbeit, der Mangel an Zeit und Verständnis für seine
kompositorische Tätigkeit, sein Entsetzen über die politischen Zustände und die
drohende Einberufung zum Militärdienst seine physischen und psychischen Kräfte derart,
daß er am 1. November 1942, schon lange von tiefer Lebensangst gepeinigt, seinem Leben
ein Ende setzte. Die Werke
In der Lübecker Zeit entstanden hauptsächlich geistliche Chorwerke wie
z.B. Motetten, Kantaten und Chorsammlungen, die "Deutsche
Choralmesse" (1932), die Motettensammlung "Der Jahrkreis",
op. 5, aber auch reine Instrumentalwerke, wie eine konzertante Sonate für
zwei Klaviere (1931), zwei Orgelpartiten (1932) und ein Cembalokonzert
(1936). Letzteres ist gerade auf dem für das Werk Distlers besonders
engagierten Label Thorofon erstmals in seiner vollständigen,
viersätzigen Fassung vorgelegt worden (den dritten Satz des als
"entartet" gebrandmarkten Werkes hatte der Komponist
zurückgezogen), zusammen mit dem bisher überhaupt noch nicht
eingespielten "zweiten Cembalokonzert". Von 1936–1938 schrieb
Distler das "Neue Chorliederbuch", und 1939 folgte Distlers
größtes a-cappella-Werk, das "Mörike-Chorliederbuch", mit dem
er auf dem Grazer "Fest der deutschen Chormusik" im selben Jahr
einen überwältigenden Erfolg hatte. In diesem Zeitraum erschienen auch
weitere Instrumentalwerke, z.B. eine Sonate für zwei Violinen und Klavier
(1939), eine Orgelsonate (1939), 30 Spielstücke für Positiv (1940) und
das erst seit 1952 im Druck veröffentlichte Streichquartett a-moll. Die
Lehre
Aus Distlers Lehrtätigkeit heraus entstand 1942 die "Funktionelle
Harmonielehre", die erste Veröffentlichung der von Hugo Riemann und
Hermann Grabner begonnenen Lehrmethode zur Werkanalyse, die zum
Standardwerk wurde und heute im Musikunterricht anerkannte Grundlage jeder
Werkbetrachtung für Kompositionen aus der Zeit von Bach bis Reger ist. Das
Neue
Bei der Erneuerung der Kirchenmusik greift Distler gern auf barocke
Kompositionstechniken zurück, vor allem auf Stilmittel von Heinrich
Schütz. Dabei übernimmt er den durch polyphone Stimmführung geprägten
linear geführten Satz und die Eigenart, in imitatorischen Abschnitten die
Stimmen ineinander zu verflechten. Außerdem verwendet er häufig modale
Tonarten, wie sie in Mittelalter und Renaissance in Gebrauch waren, sowie
Pentatonik. In seinen Chorwerken legt er großen Wert auf intensive
Wortgebundenheit. Verbunden mit belebender Polyrhythmik und neuartigen
Zusammenklängen, die sich aus der konsequenten horizontalen Stimmführung
ergeben, werden so Klangwirkungen von sensibler Schlichtheit bis zu
höchster dramatischer Ausdruckskraft erreicht. Distler bedient sich also
der Stilmittel einer anderen Epoche, weil er sie für die Ziele einer
expressiven, der Verkündigung dienenden Vokalmusik als zweckmäßig
befunden hat. Doch ist das Ergebnis alles andere als epigonal. Dabei hat
er keine Scheu, auch formal auf die Anlage Schützscher a-cappella-Werke
zurückzugehen, wie sich sehr gut an der "Weihnachtsgeschichte"
(op. 10, 1933) beobachten läßt, die Distler als "Oratorium mit
kammermusikalischem Charakter" bezeichnet hat. Die
Praxis
Distlers Motettenkompositionen, insbesondere die des
"Jahrkreises", op. 5, sind Dokumente einer intensiven, ehrlichen
Auseinandersetzung mit den Aufgaben und Gegebenheiten kirchenmusikalischer
Arbeit. Als Praktiker läßt Distler den Interpreten viel Freiheit,
solange die Eigenständigkeit der Stimmen und der Charakter des jeweiligen
Stückes erhalten bleiben (dies gilt natürlich nicht für die
großformatigen Werke wie der "Geistlichen Chormusik", op. 12).
Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist es erstaunlich, daß die kleineren
Kompositionen nicht viel häufiger auf den Programmzetteln von
Kirchenkonzerten zu finden sind. Umso bedeutsamer ist die Pionierarbeit,
die einige unabhängige Schallplattenfirmen hier leisten, indem sie die
Werke eines der großen Komponisten der Moderne einem breiten Publikum
zugänglich machen. E.
Wichmann/A. Rainer |
Diskographie
Hugo Distler
Das Orgelwerk, vol. 1
Armin Schoof an der Stellwagen-Orgel der Jakobi-Kirche
zu Lübeck
Thorofon CTH 2293
Das Orgelwerk, vol. 2
Armin Schoof an der Hausorgel von Hugo Distler
Thorofon CTH 2294
Choralpassion, op. 7
Jochens, Kooy, Miehlke
Kammerchor der Universität Dortmund, Willi Gundlach
Thorofon CTH 2185
Der Jahrkreis, op. 5
Westfälische Kantorei, Wilhelm Ehmann
Cantate C 57620
Geistliche Chormusik, op. 12 (incl.
Totentanz)
Berliner Vokalensemble, Bernd Stegmann
Cantate C 58007
Mörike-Chorliederbuch, op. 19
Kammerchor der Hochschule der Künste Berlin, Christian
Grube
Thorofon CTH 2231
Mörike-Chorliederbuch, op. 19
Berliner Vokalensemble, Bernd Stegmann
Musicaphon M 56820
Totentanz, op. 12,2
Wachet auf, ruft uns die Stimme, op. 12,6
Orgelpartita "Wachet auf", op. 8,2
Quadflieg, Innig
Kammerchor der Universität Dortmund, Willi Gundlach
Thorofon CTH 2215
Konzert für Cembalo und Streicher, op.
14
Kammerkonzert für Cembalo und elf Soloinstrumente
Wiener Akademie
Cembalo und Leitung: Martin Haselböck
Thorofon CTH 2403
Sämtliche Orgelwerke
Arno Schönstedt an Orgeln von Paul Ott in Kampen,
Recklinghausen und Herford
Cantate C 57613 (2 CD)
Die Weihnachtsgeschichte, op. 10 und
Liedmotetten zur Weihnacht
Kammerchor der Hochschule der Künste Berlin, Christian
Grube
Thorofon CTH 2281
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