Neue Speichermedien: DVD und SACD

"Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni della Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung..." (Riemann Musiklexikon)

Tatsächlich gelang es erst durch technische Erfindungen am Ende des 19. Jahrhunderts, Klänge so aufzuzeichnen, daß sie zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt wiedergegeben werden konnten. Waren es zuerst Wachs-Zylinder, in die mechanisch die Schallwellen eingeritzt wurden, nahm man bald auch Aufzeichnungen auf Platten vor.

Trichterklang

Dabei hatten sich die Beteiligten den eingeschränkten Möglichkeiten der Technik unterzuordnen. Bekannt sind Bilder sich gegen den Schalltrichter reckender Musiker bei den ersten phonographischen Aufnahmen. Und selbst wenn ein kompliziertes System aus Röhren und verschieden großen (Aufnahme-)Trichtern eingesetzt wurde: Der Standard bei den ersten Schallaufzeichnungen war auch noch nach Erfindung des Magnetbandes in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ausschließlich Mono.

Stereo!

In den 40er Jahren wurde die Stereophonie erfunden – sie bedeutete eine Revolution der Wiedergabe, denn plötzlich waren Richtungen erkennbar. Dabei verteilten die Techniker einen Teil der Instrumente auf den linken Lautsprecher, einen anderen Teil auf den rechten, und der Solist kam genau aus der Mitte. "Ping-Pong" hieß der Effekt, der auf manchen nostalgischen Aufnahmen noch deutlich zu hören ist.

Natürlich änderte sich die Klangästhetik; über moderne Mischpulte und geeignete Mikrofonaufstellung wurde es möglich, jedem Punkt zwischen den beiden Lautsprechern ein Klangereignis zuzuordnen, und im Zuge einer "natürlichen" Klangwiedergabe konnten die Tonmeister auch die räumliche Tiefe hinter den Lautsprechern erschließen.

Quadro?

Anfang der 70er Jahre wurde die Quadrophonie vorgestellt, bei der zwei Zusatzkanäle hinten die Stereo-Wiedergabe ergänzten. Der Hörer befand sich jetzt mitten im Zentrum des Klanggeschehens und konnte zu Anfang Aufnahmen hören, bei denen die vier Instrumente eines Streichquartetts aus den vier Ecken des Wiedergaberaums erklangen. Eine Art "Doppel-Ping-Pong", das natürlich klangästhetisch den Musikkenner nicht überzeugen konnte. Da die Übertragung technisch kompliziert und sehr teuer war, konnte sich das System nicht etablieren: die Quadrophonie wurde – leider – eine Episode der Klanggeschichte.

CD

Einen entscheidenden Schritt brachte die Ende der 70er Jahre einsetzende Digitalisierung mit sich. War es zunächst scheinbar richtig, bei der Schallplattenüberspielung etwa die Höhen anzuheben, damit ihr schärferer Klang die Knister- und Knackgeräusche der LP verdeckte, so führte nicht zuletzt die CD mit ihrer "ungestörten" Wiedergabe zu einem Umdenken in der Aufnahmephilosophie: Weg von den Produktionen mit steriler Studioatmosphäre, hin zu Aufnahmen in ausgesuchten Räumen mit natürlicher Akustik. Der heutige Stand der Audio-Wiedergabe ist nach wie vor die CD mit 2-Kanal Stereoton. Trotz aller technischen Innovationen gibt es aber immer nur einen guten Hörplatz (an der Spitze des gleichschenkligen Dreiecks – vgl. Class-Service 1.99 "Ein Platz in der besten Reihe"). Dabei ist – den optimalen Hörplatz vorausgesetzt – eine faszinierende Klangabbildung nicht nur in der Breite, sondern auch in der Tiefe realisierbar: Sie befinden sich zu Hause auf einem bequemen Logenplatz und können quasi durch eine Öffnung zwischen den Lautsprechern direkt in den Konzertsaal hineinhören.

Neue Technik

Im Kino- und Videobereich gibt es seit kurzem das sogenannte Surround-Verfahren (5.1) zur Darstellung von Raumklängen und Schalleffekten. Hierbei wird die normale Stereoaufstellung ergänzt durch einen zusätzlichen Lautsprecher vorn in der Mitte (genannt "Center") und zwei weitere Lautsprecher – ähnlich der Quadrophonie – seitlich hinter dem Hörer. Zu diesen 5 Lautsprechern (5+) gesellt sich noch ein Tieffrequenz-Effekt-Lautsprecher (-.1), der irgendwo im Raum plaziert sein kann und nur die Aufgabe übernimmt, die Hauptlautsprecher von außergewöhnlichen filmischen Knalleffekten zu entlasten.

Das Surround-Format 5.1. ist eine wirklich sinnvolle Entwicklung für den Kinobereich und nicht zuletzt via DVD-Video oder Satellitenübertragung für die Heimkino-Wiedergabe schon eingeführt. Viele Leser werden ihren Fernseher daher schon mit einem der derzeit überall angebotenen Surround-Lautsprecher-Sets ausgerüstet haben, um die faszinierenden klanglichen Möglichkeiten der DVD ausnutzen zu können.

Die Zukunft

Aber die Zukunft für den Musikhörer sieht noch besser aus: Bewußt hat man neben der DVD-Video auch eine DVD-Audio definiert und entwickelt. Und hier ist tatsächlich ein bisher nicht gekannter Super-Klang möglich, denn faktisch ist eine bis zu 1000-fach größere Genauigkeit entweder in Super-Stereo oder in höchstwertigem 6-Kanal-Ton übertragbar (s. "Was ist das, DVD?").

Gerade die Wiedergabe mit mehr als zwei Kanälen ist für den Hörer ein großer Gewinn: Er fühlt sich plötzlich nicht mehr in einer Loge eingeschlossen, sondern befindet sich direkt innerhalb des Konzertraums, denn vor allem die hinteren Lautsprecher sind in der Lage, Raumklang und Atmosphäre des Aufführungsortes darzustellen.

Es wird daher in Zukunft immer mehr darum gehen, Aufnahmen in wirklich ausgesuchter Akustik aufzunehmen, damit für den Hörer ein "natürliches" Dabeisein entsteht.

Tonmeister Haydn

Und damit kommen wir Tonmeister sicher den Vorstellungen der Komponisten sehr entgegen. Denn selbstverständlich hatten sie die klanglichen Möglichkeiten des jeweiligen Aufführungsortes im Ohr, wenn sie ihre Partituren schrieben. Wie anders ist es zu erklären, daß Haydn die Generalpausen in den frühen Sinfonien als Viertel, in den Londoner Sinfonien aber als ganze Takte notierte? Der Nachhall in der Londoner Konzertkirche ist wesentlich länger als im fürstlichen Schloß zu Esterhazy – Sie können es selbst vor Ort überprüfen...

Noch deutlicher ist ein Hinweis, den Haydn im Vorwort zu "Die sieben Worte" – ein großes Auftragswerk des Domherren in Cadix – gibt: "Man pflegte damals alle Jahre während der Fastenzeit ein Oratorium aufzuführen, zu dessen verstärkter Wirkung folgende Anstalten nicht wenig beytragen mußten: Die Wände, Fenster und Pfeiler der Kirche waren nehmlich mit schwarzem Tuche überzogen..." Ein Blick in die Partitur zeigt, daß sich der Komponist der akustischen Konsequenz dieser Maßnahme, die den Nachhall der Kirche völlig schluckte, klar bewußt war.

Baustil, Volumen, Raumklang – alles hat direkte Auswirkungen auf die Interpretation, denn selbstverständlich reagiert jeder Künstler auf die ihn umgebende Akustik, und Steigerungen, Diminuendi, Übergänge und Temponuancen sind direkt abhängig von der Klangentwicklung im Raum und erschließen sich erst im Zusammenklang mit voller Suggestivkraft dem Hörer.

Wer einmal die Vorzüge der Mehrkanal-Musikwiedergabe in ihrer ausgereiften Form erlebt hat, weiß, daß in diesem System die Zukunft liegt.

Was ist das, DVD?

Die neudeutsche Übersetzung von DVD heißt „digital versatile disc“; sie ist heute das vielseitigste Speichermedium im Computerbereich. Aufgrund verschiedener technischer Ausführung ist z.B. die DVD-5 in der Lage, mit 4,7 GB eine ca. siebenmal größere Datenmenge zu speichern, als die CD (0,65 GB). Daher ist sie auch das ideale Medium, um die riesige digitale Datenmenge der Kinofilme inklusive Ton zu transportieren. Mit einem besonderen Trick arbeitet die DVD-9, indem zwei unterschiedliche Schichten sogar die doppelte Datenmenge aufnehmen. Entwickelt ist auch schon die DVD-18, ein beidseitig nutzbarer Datenspeicher mit der riesigen Datenmenge von 17 GB.

Auf den ersten Blick verwirrend...

Speziell für die Film-Wiedergabe ist die DVD-Video (DVD-V) entwickelt worden. Sie ist in der Lage, einen 5.1 Surround-Ton zu speichern im „Dolby Digital“-Modus: Mit einer kleinen Trickschaltung werden die Tonsignale codiert und im Wiedergabegerät decodiert. Dann entstehen in erstaunlich guter Qualität die 5.1-Tonsignale für die Surround-Wiedergabe, die Kinogängern ja vertraut sein wird.

Speziell für die hochwertige Audio-Wiedergabe ist die DVD-Audio (DVD-A) entwickelt worden: Sie stellt ihre ganze Speicherkapazität in den Dienst des guten Tons, eine Art Super HiFi ist möglich mit sechskanaliger Klangwiedergabe und einer im Vergleich zur CD (und DVD-Video) um ca. 1000mal feineren Auflösung der Musiksignale.

Trotzdem – wir befinden uns schließlich im multimedialen Zeitalter – kann die DVD-A auch Videoclips enthalten; über Ihren Bildschirm können Sie möglicherweise die Booklettexte, Partiturseiten etc. mitverfolgen. Es lassen sich jede Art von Informationen bis hin zu Internet-Verknüpfungen vorstellen.

Und dann ist da noch die Super Audio CD (SACD). Sie ist ein naher Verwandter der DVD, was ihre Speichermöglichkeiten anbelangt, und verwendet einen zusätzlichen Kniff: Die Entwickler haben die SACD so gestaltet, daß in jedem Fall der Tonträger in einem normalen CD-Spieler abgespielt werden kann. Allerdings kommt die höhere Klangqualität nur bei Einsatz eines entsprechenden Abspielgerätes zum Tragen. Die derzeit erhältlichen SACDs enthalten nur Stereo-Aufnahmen (in CD-Qualität und der sogenannten hochauflösenden „Direct Stream Digital“ Technik). Eine Mehrkanalanwendung ist möglich, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant.

Muß der Konsument also einen neuen Wettstreit der Systeme befürchten?

Nein! Zunächst ist festzustellen, daß die derzeit sehr preiswert erhältlichen DVD-Videospieler nicht in der Lage sind, die DVD-A wiederzugeben. Allerdings werden schon die ab Ende 2000 in den Geschäften erhältlichen Wiedergabegeräte der neuen Generation in der Lage sein, alle Formate abzuspielen. Mit einem derartigen Kombigerät können Sie zunächst alle Ihre bisherigen CDs, aber auch Ihre DVD-Video, DVD-Audio und die SACD gleichermaßen abspielen. Egal also welches System letztlich die Nase vorn hat: Der Konsument kann mit einem solchen Kombigerät ganz beruhigt in die Zukunft hören.

Werner Dabringhaus

 

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Copyright © 1999 CLASS Association of Classical Independents in Germany e.V.
Stand: 3. Mai 2006